50 Jahre Internet

50 Jahre Internet

Diese Woche ist das Internet 50 Jahre alt geworden. Tim Berners-Lee schrieb dazu auf Twitter:

„The internet & the web it enabled have changed billions of lives for the better. But their power for good is under threat.“1

Tim meint, dass die initiale Idee des Internets in Gefahr sei. Wir fragen uns, ob das wirklich so ist und wie wir diese und zukünftige Herausforderungen meistern können.

Exkursion

Das Internet begann am 29. Oktober 1969 als Arpanet. Damals ging es in erster Linie um eine standortübergreifende Zusammenschaltung von Großrechnern, um die Rechenleistung zu erhöhen. Schon zwei Jahre später entstand die E-Mail. Diese Form der Kommunikation machte lange Zeit die größte Datenmenge im Internet aus.2

Ein weiterer großer Sprung in der selbstständigen Entwicklung entstand bei der Kommerzialisierung.  Tim Berners-Lee entwickelte um das Jahr 1989 am CERN die Grundlagen des World Wide Web (WWW). 1993 kam der erste Webbrowser, welcher Webseiten in HTML darstellen konnte. Zeitgleich fand der Heimcomputer Einzug in private Haushalte. (Quelle) So einige werden sich an das markante Modemgeräusch erinnern. Es entstand ein virtueller, kreativer Raum mit exponentiellem Wachstum. Es war ein ungeahntes Freiheitsgefühl. Jeder Mensch der westlichen Hemisphäre konnte mit wenigen Handgriffen eine Webseite online stellen und auf dieser präsentieren, was auch immer er oder sie wollte. Für eine vergleichsweise kurze Zeit war das WWW wie der wilde, wilde Westen. Sowohl hinsichtlich Meinungsdiversität als auch bei der Gestaltung von Seiten.3

Sicherfreiheit

Die Freiheit anonym an jegliche Informationen zu gelangen, mit Menschen zu kommunizieren, die auf einem anderen Kontinent leben und sich selbstständig weiterzubilden, ist ein großer Erfolg in der kulturellen Entwicklungsgeschichte der Menschen.4

Diese Freiheit ist zunehmend in Gefahr. Viele Länder sperren den Zugang zu Webseiten, Geheimdienstapparate schnüffeln ohne jegliches Recht in den Netzwerken und sammeln private Daten.5 Soziale Netzwerke verkaufen die Daten ihrer Nutzer an Werbetreibende. (Quelle) In dem kürzlich veröffentlichten Buch von Edward Snowden „Permanent Record“ beschreibt er detailliert, wie amerikanische Geheimdienste seit 9/11 einen gewaltigen Überwachungsapparat installiert haben, welcher keine Ländergrenzen kennt. (Quelle) Nach seinen Veröffentlichungen als Whistleblower gab es einen Aufschrei und hier und da ein paar Gesetzesänderungen. Bis heute verstehen allerdings die wenigsten Menschen die wahren Ausmaße dieser Enthüllungen.6

2016 hat das United Nations Human Rights Council eine sogenannte non-binding Resolution veröffentlicht, welche das Abschalten des Internets verurteilt. (Quelle) Online zu sein darf damit als grundlegendes Menschenrecht angesehen werden. Warum diese Verurteilung nötig ist, sieht man zurzeit an vielen Beispielen. Chinas Ein-Parteien-Regierung schränkt den Zugang zu ganzen Bereichen systematisch ein. (Quelle) (Abb) In der Türkei werden Soziale Netzwerke und Nachrichtenseiten zeitweise blockiert, um die Organisation und Durchführung von Protesten zu verhindern und Demokratisierungsversuche zu unterbinden.7

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In Deutschland nehmen wir Angebote wie Wikipedia und Google als selbstverständlich wahr. Wir genießen die Freiheit Informationsangebote zu nutzen, ohne das ein Staat diesen Teil des Internets zensiert. Aber ganz so einfach ist es in Deutschland auch nicht mehr. Seit dem 1. Oktober 2017 ist das Netzwerkdurchsetzungsgesetz in Kraft. Hinter diesem abstrakten Begriff verbirgt sich das Gesetz zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung in sozialen Netzwerken. Das ist eine legislative Reaktion, um Hasskriminalität im Internet judikativ beizukommen. (Gesetzgebung ist immer Legislative, die Gerichtsbarkeit ist judikativ) Anbieter von sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter werden damit Compliance-Regeln auferlegt, welchen sie Folge leisten müssen.8 Dass ein Staat dabei die Verantwortung, Bürger zu maßregeln an private Unternehmen abwälzt, mag hinsichtlich der großen technischen Herausforderungen sinnvoll erscheinen. Kritiker sprechen jedoch von einer Zensurinfrastruktur, die auf Basis dieses Gesetzes geschaffen wird.

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Es entsteht ein Dilemma zwischen Zensur und Internetkriminalität. Aber nicht nur Zensur und Hasskommentare sind ein Problem. Auch ist die eigentlich ursprüngliche Idee des Internets gewesen, Rechner miteinander zu verbinden, um eine Kommunikation über das eigene Heimnetz zu gewährleisten. Heute findet die meiste Kommunikation über zentrale Systeme statt. Wenn wir ein Video sehen möchten, steuern wir YouTube an. Wenn wir mit Freunden und Bekannten schreiben wollen oder Fotos teilen möchten, steuern wir Facebook oder Instagram an. Vor noch gar nicht allzu viel Jahren waren es hauptsächlich persönlich gestaltete Webseiten, welche man mit der Eingabe einer individuellen URL ansteuerte. Ein großer Vorteil war, dass die Meinungsbildung weniger von Plattformanbietern reglementiert wurde und Vielfältigkeit hinsichtlich Thematik und Meinung begünstigt wurde.

Webdesign

Wenn Tim Berners-Lee also von Gefahr für das Internet spricht, dann entspricht das nicht einer konkreten Gefahr. Es ist sind vielmehr viele abstrakte Barrieren, die künstlich geschaffen werden. Meist auf Basis vermeintlicher Sicherheit. Dass es die Freiheit ist, die letztlich dadurch eingeschränkt wird, wird einem erst klar, wenn man den Blick in die Vergangenheit richtet. Denn auch auf das Aussehen und die Funktion des Webs haben die jüngsten Entwicklungen einen großen Einfluss. Die großen Plattformen entwickeln ihre Oberflächen so benutzerfreundlich wie möglich und so, dass diese auch über kontinentale Grenzen und Kulturkreise hinweg reibungslos funktionieren. Somit werden jedoch auch Designstandards bestimmt und der individuelle Gestaltungsspielraum eingegrenzt. Das Web verkommt mehr und mehr zu einer einheitlichen Maske aus Google- und Facebook-Designpatterns, was für viele mittlerweile ein Problem darstellt.

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Heute blicken wir mit einer mündigen Einstellung in die Zukunft. Lange genug haben wir zugesehen, wie Unternehmen private Daten an Werbetreibende verkaufen, undurchsichtige Algorithmen zur Vorhersage menschlichen Handelns entwickeln oder regelmäßig “Datenlecks” melden. Die suggerierte Sicherheit kann nicht mehr länger aufrechterhalten werden und selbst die Politik beginnt Maßnahmen abzuwägen, mit denen Konzerne eingeschränkt werden können.9

Ein weiterer, wichtiger Schritt ist das Internet als Ort für alle Menschen zu begreifen. Dazu gehört am Ende auch die Politik, die Wirtschaft und die Gesellschaft im Allgemeinen. Prinzipien, welche wir bereits anderswo anwenden, müssen im Internet ebenfalls Zuhause sein. Ein wichtiges Projekt dazu ist “Principles - A contract for the web”. In diesem Vertrag stehen in ganz unmissverständlicher Ausführung die Rechte und Pflichten für Regierung, Unternehmen und Bürger. Die Implementierung dieser Prinzipien kann helfen das Internet in die richtigen Bahnen zu lenken, so, dass Tim Berners-Lee seinen nächster Tweet zum 60. Geburtstag des Internets etwas hoffnungsvoller formuliert.


Quellen

[1] Tim Berners-Lee auf Twitter

[2] Wikipedia Artikel über das Internet

[3] Liste von 90s Webseiten

[4] How Has the Internet Reshaped Human Cognition?

[5] Alles Wichtige zum NSA-Skandal

[6] Internet surveillance after Snowden

[7] Internet censorship in Turkey

[8] Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (Gesetz zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung in sozialen Netzwerken – NetzDG)

[9] Google parent Alphabet rejects shareholder plan to break up company